THE HIDDEN ART PROJECT

Séneca Jurado van Bürck

B: 53.1456779, L: 8.2134387

MANMACHINE

2019, Technik/Material: DIN-A4 Scherenschnittcollage aus Drucken auf Papier, digital nachbearbeitet

In der Mitte der Collage sitzt eine schwarz gekleidete Person, schlicht aber schick, optisch geschlechtsneutral, in ruhiger, emotionsloser, bedachter Porträt-Haltung auf einem runden,
hellledernen Möbel. Kopf und Torso sind nicht vorhanden, als wären sie mit einer Schere ausgeschnitten. Und dennoch scheint die Person dem Betrachter den Kopf eines starräugigen,
hellblau-roten Blechroboters auf einem goldenen Tablett wortwörtlich zu präsentieren. Dessen Blick weist in die Richtung, in die auch der imaginäre Blick der kopflosen Person
gerichtet zu sein scheint. Der samtrote Boden zieht eine harte, abfallende Diagonale ins untere Bilddrittel – dahinter eröffnet sich ein zweidimensionaler,
durch die Bildränder begrenzter, schmuckloser Hintergrund, angefüllt mit strikt in waagerechten Zeilen laufenden Nullen und Einsen, wie im Binärcode – der „Maschinensprache“.

Die einzelnen Bildelemente habe ich sowohl digital als auch in lebendigen Zeitschriften gesucht und gefunden oder selbst erstellt, erstere auf Papier gedruckt, alle mit Schere und Skalpell
ausgeschnitten und zum finalen Motiv zusammengefügt. Letztendlich habe ich die fertige Collage dann eingescannt, um sie digital minimal nachzubearbeiten und als erwünschten Nebeneffekt
des Scannens den nostalgischen Touch der Farbgebung zu erzielen.

Und eine Interpretation des Ganzen? Die sollte hier im Grunde genommen offenbleiben.
Denn meiner Meinung nach besteht ein Werk niemals bloß auf der Intention des/r KünstlerIn, in diesem Fall meiner, sondern lebt zum wesentlichen Teil von der Interpretation
der BetrachterInnen. Meine Werke sollen nicht „Fertiges erzählen“, sondern zum Weiterdenken anregen. Und ich bin regelmäßig erstaunt, wie vielfältig sich dieses Weiterdenken gestalten kann
und was ich selbst dadurch an neuen Perspektiven auf meine eigenen Werke gewinnen kann.
All die, die diesem Gedanken folgen, sollten an dieser Stelle zu lesen aufhören und zum letzten Absatz springen.

Sollte allerdings jemand nach Interpretationshinweisen suchen, möchte ich hier einige geben, vielleicht als eine Art metaphorischen Serviervorschlag. Einen dystopischen Serviervorschlag.

Beginnen wir bei der nicht-identifizierbaren Person. Diese könnte stellvertretend für jeden Menschen stehen. Vielleicht auch für die gesamte Menschheit in einem. Für eine Menschheit, die nach
technischer und maschineller Perfektion strebt – Maschinen zu bauen ersucht, die immer besser, immer intelligenter und letztendlich auch dem Menschen immer ähnlicher werden (sollen), vielleicht
also schlicht „Manmachines“. Diese sind in Form des hellblauen Roboterkopfs in der Collage manifestiert. Dessen Starräugigkeit kann den Betrachter jedoch darauf hinweisen, dass das eben beschriebene
Streben der Menschheit das „Wesen“ des Menschen – das Lebendige – außer acht lässt. Dass das Menschsein in der technischen Kälte vielfach verloren geht. Sybolisiert durch den „menschenleeren“ Anzug,
der die „technische Errungenschaft“ auf einem goldenen Tablett präsentiert, während der Mensch, der dahintersteckt, selbst verloren zu gehen scheint. Und Stattdessen mit Nullen
und Einsen angefüllt ist, dem Binärcode – so ziemlich der radikalsten Reduktion der Weltbetrachtung, die Menschen sich ausgedacht haben. Er wird selbst zur Manmachine.
Vielleicht kann mein Werk also als eine Persiflage auf den Technisierungswahn verstanden werden, dessen (moderne) Gesellschaften weltweit anheimfallen und der immer schneller um sich zu greifen scheint.
Nicht nur dirkekt im technisch-elektronisch-machinellen Sinne, sondern eben auch in jeglichen Lebensabläufen und -welten wie Arbeit und Alltag.
Der nostalgische Touch kann hierzu eine Art subtilen Kontrapunkt darstellen, indem er der Collage entgegen ihrer möglichen Aussage einen angenehm-wohligen Touch verleiht, und einen Anschein, als wäre das
alles schon längst passiert – wie auf einem alten Foto. Dabei stecken wir mittendrin im beschriebenen Prozess.

Und wieso eigentlich eine Collage? Weil ich es liebe, bereits existente Dinge anders zusammenzubringen und neu zu kontextualisieren. In ungewohnten Zusammenhängen, zunächst verwirrend und
immer mit tieferer Aussage als der erste Blick vermuten lassen könnte. Und durch das fotografische Moment wird scheinbar ein Anspruch auf Abbildung der Realität erzeugt, von dem die Bildaussage eben lebt.

In diesem Sinne – blickt immer zwei drei Schichten tiefer und lasst euch von keinem Prozess unbedacht mitreißen.

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