THE HIDDEN ART PROJECT

Silke
Rath

Fotografie | Malerei

Kommt Zeit, kommt Rat(h): Die Frage nach dem Wesen von Zeit in Silke Raths Eigenzeit. 125,4 Stunden (2008)

Ein Essay von Miriam Sarah Marotzki

Acht Meter siebzig lang und ein Meter fünfzig breit beträgt das Raummaß, einhundertfünfundzwanzig Stunden und vierzig Minuten die Zeiteinheit. Auf der Achse dieser physikalischen Grundparameter bewegt sich die Eigenzeit von Silke Rath. Leitende Frage des Werkes ist die nach dem Wesen der Zeit und ihrer – zumindest allgemein angenommenen – Bewegung.
Von Strich zu Strich, von Zeile zu Zeile tastet das Auge des Betrachters die scheinbar unterschiedlichen visuellen Texturen der Zeichnung ab. Dabei erlebt es nicht nur die ausgeprägte Serialität des einen Zeichens, welches immer und immer wieder repetiert wird, sondern erfährt dieses auch und gerade in seiner Variation in Größe und Abstand nach rechts – links – oben – unten zueinander als seismographische Einheit und gleichzeitig organisches Fragment. So kann die Eigenzeit als konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung im OEuvre Raths gesehen werden. Für Ohne Titel/Kissen (2006) wurden getrocknete Melonenkerne zu einem Gewebe aneinandergereiht. Aus diesen entstanden ‚organische’ Kissen verschiedener Form und Größe. Vermittlung (2005) bestand aus Pusteblumensamen, die in gleichmäßigem Abstand zueinander in Steckmasse fixiert waren. Aus einer Aneinanderreihung vieler solcher Module entstand eine künstliche Wiese. Diese Serialität des Organischen findet in der Eigenzeit ihre Abstraktion. Das organische Material wird verworfen, in der unregelmäßigen Form der Striche findet sich lediglich eine leichte (vielleicht auch unbewusste) Reminiszenz auf dieses. Waren Werke wie Ohne Titel/Kissen und Vermittlung in gewisser Weise noch statisch, ist nun eine Bewegung im Seriellen klar erfassbar. Man könnte die Reduktion auf ein (organisches) Zeichen auch als Destillat bisheriger künstlerischer Versuche der Sprach- und Formfindung bezeichnen.

[…] Die Zeichnung dokumentiert das winzige Augenblickchen Gegenwart […]

Ausgangspunkt des Gedankens waren frühere Arbeiten wie Azorubinrot (2004) und Hydrochorie (2008). Schriftfolien aus Gelee wurden auf einem Bächlein in der Eilenriede (Stadtwald, Hannover) und auf der Schlei zu Wasser gelassen und lösten sich in diesem allmählich auf. Die Geleekunstwerke waren für den Augenblick, nicht die Ewigkeit geschaffen. Rath interessiert auch in Eigenzeit nicht der Darbovensche Griff ins Archiv, der enzyklopädische Aspekt der Ewigkeit. Aus dem ‚Abschreiben’ abstrakter Zeit bei Darboven wird in Eigenzeit ein ‚Schreiben’, denn Rath sucht nach der „Handschrift meiner Zeit von…bis“ Dieses beginnt mit Findung des „I“ als einfachstem Schriftzeichen einer ‚Zeitschrift’. In der Zeichnung sind einzelne Abschnitte, Texturen erkennbar, so wird aus der dokumentierten Zeit Eigenzeit.

[…] Mit Beendigung des Sprach-Formfindungsprozesses wurde auch die Zeichnung bei acht Meter siebzig beendet. Das Ende des Prozesses setzt gleichzeitig dem Kunstwerk ein Ende. Die Künstlerin hat die Sprache ihrer Zeit im Verlauf des Schaffensprozesses lesen gelernt, so dass auch eine Relektüre der eigenen „künstlerischen Befindlichkeiten“ im Werk möglich ist. Nun ist es am Betrachter in einer vielleicht gleichermaßen existenziellen Erfahrung diese Sprache zu lernen und so im Werk die Eigenzeit der Künstlerin oder vielleicht auch die eigene zu lesen.

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